RÜCKENSCHMERZ

Teil 1

Nach epidemiologischen Schätzungen (= auf Umfragen basierenden Schätzungen) leidet ca. 85 % der Bevölkerung westlicher Industriestaaten mindestens einmal in ihrem Leben an einem Rückenschmerz. In ca. 10 % wird dieser chronisch (= über mehr als 6 Monate anhaltend). 5 % werden zu schmerztherapeutischen Problemfällen. Diese 5 % der Pat. verursachen 50 % der Gesamtkosten! Für diese kleine aber äußerst kostenträchtige Gruppe gibt es derzeit in Deutschland wenig angemessene Behandlungsmöglichkeiten.

Die Wirbelsäule als statisches Achsenorgan ist in dieser Funktion großen Belastungen ausgesetzt, entsprechend häufig treten Verschleißerscheinungen auf, die über die physiologische Degeneration (= normale Abnutzung) hinausgehen und deshalb oft Beschwerden verursachen. Es ist jedoch stets zu bedenken, daß auch höhergradige Verschleißprozesse nicht unbedingt mit einem Rückenschmerz einhergehen müssen, auch gibt es keine statistische Korrelation zwischen dem Ausmaß der abnutzungsbedingten Veränderungen und der geklagten Schmerzintensität. 
Das Vorhandensein abnutzungsbedingter Veränderungen, die theoretisch die geklagten Beschwerden verursachen können, darf deshalb nicht dazu verleiten, eine weitergehende Diagnostik
(= Maßnahmen zur Erkennung eines Krankheitsgeschehens) zu unterlassen. 

Systematik (= Einteilung/Ordnung) der Ursachen für einen Rückenschmerz

1. Ver tebragener (= wirbelsäulenbedingter) Rückenschmerz:

      Degenerative Veränderungen (= durch Abnutzung hervorgerufen)

          - Bandscheibenveränderungen (Bandscheibenvorwölbung, Bandscheibenvorfall)

        - ligamentäre Insuffizienz (= Funktionsstörung von Haltebändern)

          - Störung der gelenkigen Wirbelverbindungen

          - knöcherne Veränderungen (Randzacken, Knochen wulste usw.)

       Missbildungen

          - angeborene (z.B. Spina bifida, Blockwirbel, Keilwirbel)

          - Wachstumsstörung (z.B. Skoliose, Scheuermann Krankheit)

       Entzündliche Erkrankungen

          - Rheumatischer Formenkreis (z.B. Polymyalgia, Morbus Bechterew)

          - Infektionserkrankungen (Spondylitis z.B. durch Tbc,

            Staphylokokken, M. Bang)

       Generalisierte Skeletterkrankungen

          - (z.B. Osteoporose, Osteomalazie)

       Tumoren der Wirbelsäule

          - Primärtumoren (hauptsächlich Plasmozytom)

          - Metastasen

      Traumen (= Verletzungen) (Frakturen, Beschleunigungsverletzung der HWS)

       Defekte, nicht verletzungsbedingte (z.B. Spondylolyse

             und Spondylolisthese)

2. Neurologische Erkrankungen:

             (z.B. Polyradikul itis, Rückenmarkstumoren,

             Syringomyelie, Tabes dorsalis

3. Referred Pain (Übertragungsschmerz):

       Halswirbelsäule: sog. viszerale Übertragungsschmerzen bei

             Erkrankung innerer Organe: Leber, Gallenblase, Ma gen,

             Milz, Dickdarm, Herz u. Affektionen des Schultergelenk es

       Brustwirbelsäule: Schmerz projektion bei Erkrankung der

             Speiseröhre, der Pleura, und bei Aortenaneurysma

       Lendenwirbelsäule: Schmerzprojektion bei gynäkologischen

             und urologischen Erkrankungen

4. Myofasziales Syndrom (z.B. Fibromyalgie)

     (= Muskeln und deren Gewebsumhüllung sowie Sehnen betreffende Störungen)


Ein vertebragener Schmerz (= von der Wirbelsäule ausgehender) kann auf die Schädigungsregion (Bewegung ssegment) beschränkt bleiben und/oder in das Versorgungsgebiet eines irritierten oder geschädigten Nerven (pseudoradikuläres Syndrom oder radikuläres Syndrom) ausstrahlen. Diffuse, in die Peripherie (= in den äußeren Körperbereich) projizierte Schmerzen ohne fassbare Nervenstörung, begleitet von Krankheitszeichen, die dem vegetativen, unwillkürlichen Nerven system zuzuordnen sind (z.B. örtlich vermehrte Schweißbildung), sprechen für die Funktionsstörung des Grenzstranges (= vegetative Nervenstrukturen beiderseits der Wir belsäule) (Synd rom des sympathischen Grenzstranges, Thoden 1989).

Die Wirbelsäule besteht hpts. aus 3 Abschnitten: Halswir bel-, Brust wir bel- und Lendenwirbelsäule. Daraus resultieren unterschiedliche Wirbelsäulensyndrome (= Krankheitszeichen von der Wir belsäule ausgehend). Schmerzhafte Störungen im Kreuzbein und Steißbein werden in den entsprechenden Dateien beschrieben.

Das Halswirbelsäulensyndrom (HWS-Syndrom) oder auch Zervikalsyndrom genannt, ist ein Sammelbegriff für einen von der Halswirbelsäule ausgehender oder den Halswirbelsäule nbereich betreffender Rückenschmerz. Die mit Abstand häufigste Ursache sind Störungen im Bereich der gelenkigen Wirbelverbindungen, die sog. "Wirbelblockierungen". 
 In der Regel klagen die Patienten über einen Rückenschmerz bzw. Nackenschmerz, der in die Schulter n, manchmal bis in die Arme und/oder auch in den Hinterkopf (z.T. bis zur Stirn) ausstrahlen kann. Meist ist die Mus kulatur neben der Wirbelsäule verhärtet, häufig verbunden mit einer schmerzhaft eingeschränkten Kopfbeweglichkeit. Vielfach besteht auch Klopfschmerzhaftigkeit über den Dornfortsätzen der Halswir belsäule. 
 Zum Ausschluß eines die Nervenwurzel n betreffendes Kankheitsgeschehens (radikuläres Syndrom), bedarf es immer einer fachlichen Abklärung (Neurologie, Radiologie).
 Heftigste Schmerzzustände mit Muskel hartspann und dadurch erzwungener Fehlhaltung (Schiefhaltung) werden als „akuter Tortikollis(= Schiefhals) bezeichnet. 

In Abhängigkeit von der Höhe der Störung unterteilt man das HW S-Synd rom in: 

  1. Oberes HWS-Syndrom: Die typischen Krankheitszeichen sind in der Literatur unterschiedlich dargestellt (Kügelgen et Hillemacher 1989, Kocher et al. 1980, Dahmen et al. 1985). Gemeinsames Merkmal ist ein Rückenschmerz bzw. Nackenschmerz mit Schmerzausstrahlung nach oben in den Kopf, da sich die Störungen überwiegend auf die Ner venwurzel des 2. Halswirbels konzentrieren. Die Schmerzeinstrahlung in den Hinterkopf, teilweise auch bis zur St irnregion ziehend, führt häufig zur Diagnose eines zervikogenen oder vertebrag enen (= wirbelsäulenbedingten) Kopfschmerz es. Inwieweit die HW S-spezifische "Unkovertebralarthrose" (= Erkrankung des „Halbgelenks“ zwischen zwei Wirbelkörpern) über eine Einengung der Wirbelsäulenschlagader (A. vertebralis) im Foramen intervertebrale (= Zwischenwirbelloch) ein zervikozephales (= Hal s und Kopf betreffendes) Krankheitsbild verursachen kann, ist noch nicht endgültig geklärt. 

  2. Mittleres HW S-Syndrom: Der typische Schmerz tritt im Bereich der Halswirbel 3, 4, 5 auf und strahlt in die Schulterblätter, auch bis über die Schulter aus. Beim radikulären Syndrom (= Krankheitszeichen infolge einer Nervenstörung, Nervenschädigung) treten Störungen der Nervenfunktion in Form von herabgesetzter Empfindung und/oder Lähmungen von Schulterblattmuskeln (z.B. M. levator scapulae) auf. Ganz selten kommt es auch zu Zwerchfellähmung (Thoden 1987). Beim radikulären Syndrom der Nervenwurzel des 5. Halswirbels ist der M. biceps brachii betroffen. 

  3. Unteres HWS-Syndrom: Da die Ner venwurzeln des 6. bis 8. Halswirbels und des 1. Brust wirbels betroffen sind, können Beschwerden bis in den Klein finger ausstrahlen. Meist wird dieser Schmerzzustand mit „Zervikobrachialgie" (Schulter-Arm-Syndrom) bezeichnet, obwohl streng genommen das Zervikobrachialsyndrom mit einer radikulären Symptomatik (= Krankheitszeichen infolge einer Nervenstörung, -schädigung) einhergeht (Debrunner 1988). Die pseudoradikuläre (= auf eine scheinbare Nervenschädigung zurückzuführende) Ausstrahlung in die Arme fällt noch unter den Begriff "Zervikal-Syndrom". Bei Störung der Nervenwurzel des 1. Brust wirbels kann sich ein Horner-Syndrom (= Augenlidsenkung, Verengung der Pupille, Zurücksinken des Augapfels) ausbilden (Thoden 1987). 

Das Brustwirbelsäule n- (BWS-) Syndrom ist ein Sammelbegriff für Schmerzen, der von der Brustwirbelsäule ausgehen oder den Brust wir belsäulenbereich betriffen. 
Von den Abschnitten der
Wirbelsäule ist die BW S hinsichtlich chronischer Schmerzen prozentual am wenigsten betroffen. Statisch-dynamische Faktoren spielen hier eine untergeordnete Rolle, es dominieren reflektorische (= von einem anderen erkrankten Organ ausgehende, reflexartige) Störungen, hauptsächlich im myofaszialen (= Muskeln und deren Gewebsumhüllung betreffenden) System. Nicht selten sind auch Interkostalnerven (= Zwischen rippen ner ven) im Sinne einer pseudoradikulären Symptomatik (= Krankheitszeichen, die von einer scheinbar gestörten Nervenwurzel ausgehen) beteiligt. Eine radikuläre Symptomatik (= Krankheitszeichen, die von einer tatsächlich gestörten Nervenwurzel ausgehen) kann leicht übersehen werden, da z.B. bei motorischen (= die Muskelfunktion betreffenden) Ausfällen kaum eine körperliche Beeinträchtigung eintritt, es sei denn, es sind mehrere Interkostalnerven (= Zwischen rippen nerven) betroffen, was dann zu einer Störung der Lungenfunktion führen kann. 
Der Schmerzcharakter im Bereich der Brustwirbelsäule wird von den Patienten meist mit dumpf und drückend angegeben. In der Regel ist die
Muskulatur neben der Wir belsäule verhärtet und druckschmerzhaft. Oft besteht auch Klopfschmerzhaftigkeit über den Dornfortsätzen der Wirbelkörper.
Relativ häufig tritt ein
Rückenschmerz im Rahmen von Wachstumsstörungen auf (z.B. Morbus Scheuermann, Skoliose), begünstigt durch die damit verbundene Fehlhaltung. 
Das BWS-Syndrom kann auch Folge von zusammengebrochenen Wirbeln aufgrund einer Osteoporose sein. Nicht selten stellt sich ein BW S-Synd rom auch nach einem unfallbedingten Wirbelbruch ein. 
Viszera le
(= die Eingeweide betreffende) Übertragungsschmerzen (Referred Pain) sind stets in die differentialdiagnostischen Erwägungen
(= Überlegungen, welche Krankheiten noch in Frage kommen können) mit einzubeziehen. Störungen bzw. Krankheiten von Herz und Bauchspeicheldrüse führen oft zu Beschwerden zwischen den Schulter blättern. Auch Erkrankungen der Speiseröhre, Pleura (= Brustfell) und Fehlbildungen der Brustaorta (= Brust schlagader) können zu Beschwerden in der BW S  -Region führen. 

Das Lendenwirbelsäulensyndrom (LWS-Syndrom) ist ein Sammelbegriff für einen Rücken - bzw. Kreuzschmerz, der aufgrund degenerativer (= abnutzungsbedingter) Wirbelsäulenveränderungen oder statisch-muskulär bedingter Störungen von der Lendenwirbelsäule ausgehen oder den Lenden wir belsäulenbereich betrifft.
Die
Lendenwirbelsäule ist großen statisch-dynamischen Belastungen ausgesetzt, weshalb hauptsächlich dieser Wirbelsäulenabschnitt von
Schmerzen betroffen ist. 
Als Schmerzursache stehen wie bei der Halsw
ir
belsäule übermäßige degenerative (= abnutzungsbedingte) Veränderungen im Vordergrund, wobei der Bandscheibe eine Schlüsselrolle zufällt. Der Wassergehalt des Gallertkernes der Bandscheibe nimmt im Laufe der Zeit ab und damit die Elastizität, wodurch die Beweglichkeit beeinträchtigt wird. Der Faserring verliert allmählich seine Haltefunktion, wird rissig und teilweise für die Gallertmasse durchlässig. Bereits in dieser Phase ist eine Bandscheibenvorwölbung bis hin zu einem Bandscheibenprolaps möglich. Das Bewegung ssegment wird durch diese Bandscheibenveränderungen nunmehr instabil, wodurch die Funktionsbewegungen beeinträchtigt werden. Die Wirbelkörper können sich dann gegeneinander verschieben, worunter die kleinen Wir belgelenke besonders leiden und schließlich mit arthrotischen (= krankhaften) Veränderungen reagieren (Spondylarthrosen). Mit zunehmender Bandscheibendegeneration (= Bandscheibenabnutzung) nähern sich die Wirbelkörper einander und reagieren mit Randzackenbildung (Spondylose) und Sklerosierung (= krankhafte Verhärtung) der Deckplatten (Osteochondrose). Allmählich kommt es zu einer Versteifung, die an sich einem Rückenschmerz entgegen wirkt ("wohltuende Versteifung im Alter"). 
Jede Phase dieser fortschreitenden Degeneration kann im Bewegungssegment einen Rückenschmerz verursachen, der auch mit pseudoradikuläre
r oder gar radikuläre r Symptomatik (= Krankheitszeichen die auf eine scheinbare oder tatsächliche Nervenwurzelschädigung zurückzuführen sind) einhergehen kann. Verschleißprozesse, die über die normale, altersentsprechende Abnutzung hinausgehen, können auch zu einer Einengung des Wirbelkanals führen und in den betroffenen Segmenten Schmerzen hervorrufen, bei entsprechendem Ausmaß treten weitere Beschwerden hinzu ((pseudorad ikuläre, rad ikuläre Ausstrahlungen in die Beine, Claudicatio spinalis (= Funktionsbeeinträchtigung der Beine aufgrund einer Durchblutungsstörung im Rücken mark))
Die kleinen Wir bel
gelenke, die wegen ihrer dachziegelartigen Anordnung auch Facettengelenke genannt werden, können auch isoliert, also unabhängig vom Einfluß der Bandscheibendegeneration arthrotische Veränderungen erfahren und dann ebenfalls schmerzhafte Blockierungen des Bewegungssegmentes hervorrufen (ein sog. Facetten-Syndrom). Auch im Bereich der Foramina intervertebralia (= Zwischenwirbellöcher) können isolierte Störungen auftreten, die die zugehörigen Ner venwurzeln irritieren oder gar schädigen und dann zu einem Rückenschmerz führen. Ein Bandscheibenvorfall erfolgt meist dorsolateral (= seitlich und nach hinten) und kann schon bei geringem Ausmaß das Bewegungssegment blockieren. In der dorsolateralen Region kann aber auch die Nervenwurzel direkt tangiert bzw. eingeklemmt werden und ausstrahlende Krankheitszeichen bewirken. 
90% aller Bandscheibenvorwölbungen oder gar Bandscheibenvorfälle finden in den Etagen L4/L5 und L5/S1 statt (Sehhati-Chafei 1988). Diese bevorzugte Lokalisation führt dazu, daß häufig die Diagnose "Lumboischialgie" gestellt wird, da die oberen Anteile des Pl exus ischiad icus (=
Nerven geflecht aus dem der Ischias nerv entstammt) bzw. Pl exus sacral is (= Nervengeflecht im Bereich des Kreuzbein s) den Nervenwurzel n L4 und L5 entstammen. 

Hier gelangen Sie zur Fortsetzung (Teil 2) : www.xn--rckenschmerz-dlb.com/rueckenschmerz  (einfach anklicken)

Für Sie waren wir sehr fleißig:

aktualisiert >15.03.2006</>  www.xn--rckenschmerz-dlb.com <strong>Rückenschmerz</strong>